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Prolog

Es beginnt nun ein Experiment,

das bereits vor einem reichlichen Jahr angedacht worden war, als ich mein Freisemester an der Tokyo-Universität in Hongô verbrachte und von dort hin und wieder an die Kolleg_innen „zuhause“ von dem berichtete, was ich als Wissenschaftlerin so alles erlebte, beobachtete und auch dachte. Manche E-Mail – so wurde mir aus Leipzig signalisiert – sei nicht nur einfach interessant, sondern biete durchaus auch Material und Anreiz, daraus ein Thema für eine Hausarbeit oder gar eine Bachelorarbeit „zu basteln“. Um ein Beispiel für solches „Material“ anzuführen, auf das ich gleich in den ersten Tagen stieß und das ich bis zum Schluß reichlich sammeln konnte: Plakate, Poster und diverse Hinweisschilder/-zettel, auf denen „mangaesque“ Figuren mehr oder weniger höflich zu regelgerechtem Verhalten ermahnten und – im Falle von Verstößen – mitteilten, wohin man sich wenden kann, um Meldung zu erstatten. Wie oft an meinem Fahrrad ein Zettel hing: „Hier nicht abstellen!“ oder „Der Sattel ist kaputt!“, habe ich nicht gezählt. Und wie oft ich auf dem Campus (im Auto, s.u., oder per bicycle) patroullierenden uniformierten Wachleuten oder aber im Stadtbild der folgenden, grimmig dreinschauenden „Kabuki-Maske“ (an Bussen, an Hauseingängen, an Polizeistationen sowieso) begegnet bin, auch nicht… Lange Rede, kurzer Sinn – Bildchen und Textchen wie diese könnten unter dem Schlüsselbegriff „Japan als Kontroll- und/ oder Disziplinargesellschaft“ problematisiert werden.

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東京大学構内巡視車」mit Blaulicht – interessant wäre hier auch, nach den jährlichen Kosten solcher Wachdienste zu fragen (übrigens auch für unsere Uni, in der seit geraumer Zeit solche „outgesourceten“ Sicherheitsdienste für Ordnung sorgen)
„Sei/d wachsam – verhindert Diebstahl und Verbrechen!“ (Interessant wäre auch zu ergründen, wer der „Schöpfer“ dieses Sticker-Designs ist; und wie es Verbreitung findet – im Rahmen eines Wettbewerbs, über Nachbarschaftsvereine? Vielleicht gibt ja schon die Homepage der Tokyoter Polizei, Abteilung Jugend und Sicherheit (Freiwilligennetzwerk zur Unterstützung des Kampfes gegen Kriminalität) ein wenig Auskunft)

So, und nun zur Gegenwart…

Meine künftigen Gedankensplitter hier in dieser Kolumne können auch als Konkretisierungen, Veranschaulichung, als „Blick in die Werkstatt“ meiner Forschungs- und Lehrthemen betrachtet werden, die ich demnächst auch in einem kleinen Essay vorstellen möchte. Sie resultieren (nicht nur, aber oft) aus Internet-Recherchen, bei denen ich mich über neueste Entwicklungen, Publikationen und auch Diskussionen zu diesen Themen informiere – und die mich oft auch in recht abgelegene Bereiche abdriften lassen. Segen und Fluch der digitalen Welt: geballtes Wissen und Gefahr der Zerstreuung, die aber auch fruchtbar sein kann…

Am 10.07. 2016 fanden die Oberhaus-Wahlen in Japan statt – erstmals durften auch die 18-Jährigen wählen gehen, und mich interessierte: wie ist die Wahl insgesamt ausgegangen und welche Rolle spielten hier die „nicht-erwachsenen Wähler_innen“? Ersteres ist nun klar, über zweiteres habe ich noch nichts gefunden. Aber ich stieß auf die Meldung, dass mit Asahi  Kentarô (40) ein ehemaliger Olympia-Teilnehmer (Volleyball) für die LDPJ kandidiert hatte und auch gewählt wurde. Er wolle nun als Oberhaus-Parlamentarier alles geben, damit die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo ein voller Erfolg werden. Diese Meldung in verschiedenen Tageszeitungen (z.B. hier in der von mir sehr geschätzten Tōkyō shinbun vom 11.7.) animierte mich zu checken, was es denn in Sachen „Tokyo Olympics 2020“ Neues gibt – nicht nur, weil seit der Vergabe der Spiele an die japanische Hauptstadt im September 2013 ein Skandal den anderen jagt, sondern auch, weil diese Spiele auch als sogenannte fukkō gorin (復興五輪) – als „Olympiade des Wiederaufbaus“ – bezeichnet werden. „Wiederaufbau“, „Wiederherstellung“ bezieht sich dabei vor allem auf die AKW-Erdbebenkatastrophe vom März 2011, meint aber auch „Japans Rekonstruktion“ im ökonomischen Sinn – ein Feld, das sich wunderbar für eine diskursanalytische Studie eignet, wer mit diesem Begriff was intendiert. Ich selbst habe ihn in einem Aufsatz ein wenig unter die Lupe genommen, der demnächst in unserem Jubiläumsband „100 Jahre Ostasiatisches Institut an der Universität Leipzig (1914-2014)“ erscheinen wird, unter dem Titel „Olympische Spiele und moderne Japan-Forschung: Tōkyō 1940/2020“.

Damit ist schon angedeutet, dass „Tōkyō 1940/2020“ mich vor allem in seinem Zusammenhang mit der „Fukushima“-Problematik interessiert – seit März 2011 für mich persönlich ein zentrales Forschungsfeld, aber auch in Kooperation mit Japanolog_innen und kritischen Wissenschaftler_innen anderer Disziplinen innerhalb und außerhalb der BRD. Skeptiker_innen unter ihnen bezweifeln, dass die fukkō gorin (復興五輪) wirklich dem Wiederaufbau der von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall betroffenen Regionen und Menschen dienen. Hier wäre eine Untersuchung interessant, die Jule Boykoffs Konzept des „olympischen Feier-Kapitalismus“ (celebration capitalism) in Beziehung zu Naomi Kleins „Katastrophen-Kapitalismus“ (disaster capitalism) setzt und beide für Japan fruchtbar macht. Und: wird 2020 der Fackellauf auch durch die Katastrophenregionen – entlang der Nationalstraße 6 durch das Gebiet Hamadōri – führen, um zu beweisen, „wir schaffen das!“? Wahlsieger Abe jedenfalls rührt bereits die Werbetrommel*. Eine weitere Frage, der sich meine Forschung im Kontext von Protest- und Sozialbewegungen zuwendet: Wie geht das Mainstream-Japan, und besonders die politischen Eliten, vor dem Hintergrund des Olympia-Spektakels mit den Schwächsten der Gesellschaft um? Das o.g. Statement vom neugewählten Asahi veranlasste mich, endlich mal wieder einen Blick auf die Homepage „No Olympics 2020-Verein“ (Han-gorin no kai 反五輪の会) zu werfen. Dabei stieß ich auf folgende zwei Neuigkeiten, eine „globale“ und eine „lokale“: Die zahlenmäßig sehr kleine, aber mutige und engagierte Protestgruppe hat gerade unter der Losung „Olympics kill the Poor“ an einer Demonstration in Taipei/Taiwan teilgenommen, die sich gegen die Vertreibung von Armen aus sich gentrifizierenden Stadtteilen ostasiatischer Metropolen wandte (siehe u.a. hier). Auf den Zusammenhang von Olympischen Spielen und „Säuberung der Stadt“ – ganz konkret: von Rio de Janeiro – verweist auch das von der Initiative „Tokyo 2020 Rio 2016“ gerade erst verfasste „Communiqué: Planetary-No-Olympics“, an dem Mitglieder der Gruppe mitgearbeitet haben. Die „lokale Neuigkeit“ betrifft ein Wohngebiet, das einst im Kontext der Olympischen Sommerspiele von Tokyo 1964 errichtet worden ist, um damals aus ihren angestammten Behausungen Vertriebene unterzubringen: die städtischen Mietshäuser im Kasumigaoka-Viertel  in unmittelbarer Nachbarschaft des neu zu errichtenden Nationalstadiums. Am 4. Juli wurde nun doch begonnen, diese Häuser abzureißen – eine vernünftige Kommunikation mit den zumeist hochbetagten (und eher wenig bemittelten) Bewohnern hat nie stattgefunden.

Über diesen Mangel an demokratischem Miteinander berichtet seit 2014 der von diesen Bewohnern und sie unterstützenden Aktivisten betriebene Blog „Kasumigaoka apāto o kangaeru kai“ (霞ヶ丘アパートを考える会  Verein, der sich Gedanken über die Kasumigaoka-Wohnhäuser macht). Hier sind nicht nur Dokumente und Wortmeldungen sehr unterschiedlicher Protagonisten dieser Auseinandersetzung zu finden, sondern auch wertvolle Erinnerungen von Bewohnern an ihre Kindheit, die Olympischen Spiele von 1964 und andere Memoiren. Wie gern würde ich hier eine kleine Projektgruppe bilden, die dieses Material, diese gelebten Leben, diese Praktiken, Denk- und Verhaltensweisen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven untersucht! Aber auch Einzelstudien finden hier ein willkommenes und wichtiges Forschungsfeld: Marginalisierte („Subalterne“) und ihr Kampf um ihre Rechte und ihre Würde, ihr Humor, ihr Scheitern…

 

 Zum Schluss

heute noch eine eher zufällige Entdeckung beim Recherchieren, die sicher jene interessiert, die gern und möglichst preiswert nach Japan reisen wollen: Längst ist AIRbnb auch in Japan heimisch – ach, was sag ich: Japan ist hier mittlerweile mit führend. Und das führt zu einem spannenden Paradox: Sowohl das politische als auch das ökonomische Establishment ermuntert das Ausland, nach Japan zu reisen (nachdem „3.11“ zu einem Einbruch der Tourismusbranche geführt hatte). Das Hotelwesen (bzw. die Preise) aber sind dem noch nicht recht gewachsen, daher auch der AIRbnb-Boom. Das aber – und hier bin ich wieder am Anfang meines Auftakt-Textes – verunsichert wohl die Kontrollorgane des Landes. Davon zeugt zumindest folgendes Poster, das Blogger/Twitterlinge in Shibuya gesichtet haben und das aufruft, wachsam zu sein, und die Polizei entsprechend mit Informationen zu versorgen, um Terroranschläge zu verhindern:
Schaut man sich die Gesichter an, die darauf zu sehen sind, ist wohl ziemlich klar, worüber vor allem in Japan lebende Ausländer – aber bei weitem nicht nur sie! – erbost sind… (siehe etwa hier: CRAZY-T@iamcrazyt  vom 7. Juli). Ein Text über AIRbnb in Japan ist hier zu finden; als Einstieg in eine Hausarbeit vielleicht? Natürlich können diese Themen auch alle historisch fundiert werden: Reisen in Japan, Gastfreundschaft, Fremde/ Ausländer – einst und jetzt…

 

 

*Ergänzung Mitte September 2016: Inzwischen haben im August 2016 die XXXI. Olympischen Spiele stattgefunden – in Rio de Janeiro, der Hauptstadt Brasiliens, und damit in der modernen Geschichte der Spiele erstmals in Südamerika. Wie üblich, wurde auf der Abschlussveranstaltung die olympische Flagge (die es seit den VII. Sommerspielen 1920 in Antwerpen gibt) an einen der höchsten Repräsentanten der Stadt überreicht, in der die nächsten Spiele ausgetragen werden: diesmal nahm die Gouverneurin von Tōkyō, Koike Yuriko, die Flagge entgegen – sie war wenige Tage zuvor (am 31. Juli) als erste Frau in dieses Amt gewählt worden. Die eigentliche Sensation dieses Teils der Abschlusszeremonie aber war wohl das – im wahrsten Sinne des Wortes – plötzliche Erscheinen von Premier Abe Shinzō als „Super Mario“, siehe hier (besonders ab min 2:55 bis 3:55). Diese Videosequenz wird nunmehr zum unverzichtbaren Element der Seminarreihe „Japandiskurse“ (4. Semester), und zwar im letzten (dritten) Teil, in dem Bilder und Texte analysiert werden, über die sich „Cool Japan/Japan cool“ konstituiert. 

Quelle des Titelbildes