Geschichte

Bereits 9 Jahre vor der Gründung des Seminars für Orientalische Sprachen in Berlin (1887), welches als der erste Vorläufer der Japanologie in Deutschland gilt, war in Leipzig der erste deutsche Lehrstuhl für ostasiatische Sprachen gegründet worden. Unter den Vorlesungen im Wintersemester 1878/79 war auch eine Lehrveranstaltung mit der Bezeichung „Anfangsgründe der japanischen Grammatik“. Professor Georg von der Gabelentz, der den Lehrstuhl inne hatte, unterrichtete sonst hauptsächlich die chinesische Sprache.

Im „Sprachführer durch die deutschsprachigen Japanologien“ von 1990 datiert Ulrich Goch die erste Vorlesung über die japanische Sprache und Literatur an der Universität Leipzig auf das Wintersemester 1895/96. Tatsächlich aber unterrichtete Professor August Conrady zu diesem Zeitpunkt bereits seit 4 Jahren eine Vorlesung zur japanischen Grammatik.

Nachdem der Lehrstuhl für Ostasiatische Sprachen nach dem Weggang von Prof. Gabelentz nach Berlin sieben Jahre lang unbesetzt blieb, wurde 1897 Professor August Conrady zum Nachfolger berufen. Im kleinen Rahmen setzte dieser die japanbezogenen Lehrveranstaltungen bis 1901 fort, widmete sich jedoch nach einem Pekingaufenthalt 1903/04 dann fast nur noch sinologischen Studien. Nur im Wintersemester 1911/12 hielt er nochmals eine Veranstaltung zur japanischen Grammatik.

1914 wurde dank der Bemühungen des Historikers Professor Karl Lamprecht am 1909 gegründeten „Königlichen Institut für Kultur- und Universalgeschichte“ das Seminar für Ostasiatische Sprachen in Leipzig gegründet und von Conrady geleitet. André Wedemeyer, ein Schüler Lamprechts, der sich auf japanische Geschichte konzentriert hatte und bei Conrady klassisches Chinesisch lernte, arbeitete im Seminar als dessen Assistent.

Im Wintersemester (WS) 1924/25 wurden die Lehrveranstaltungen zur japanischen Sprache nach 24-jähriger Pause durch Wedemeyer wieder aufgenommen. Bis zum Sommersemester des Jahres 1932 hielt Wedemeyer fortan zwei bis vier Veranstaltungen zur japanischen Schriftsprache und gelegentlich auch zur japanischen Geschichte.

Nach dem Tod August Conradys 1925 trat Professor Erich Haenisch am 1. Oktober desselben Jahres seine Nachfolge an. Er blieb bis Juli 1932 in Leipzig, bevor er zum Lehrstuhl an der Berliner Universität wechselte.

Zu Beginn der 30er Jahre zeigten sich erstmals ernsthafte Bestrebungen zur Einrichtung einer Professur für japanische Sprache. Nach der Annahme von Fördergeldern einer japanischer Stiftung (als Hauptsponsor trat der jap. Zeitungsverleger Motoyama auf) tagte schließlich Ende November 1931 zum ersten Mal eine Kommission zur Errichtung eines Japan-Instituts an der Universität Leipzig. Es war geplant, ein von der Sinologie unabhängiges japanologisches Institut einzurichten und dieses in eine historisch-philologische Abteilung und eine Abteilung für das moderne Japan zu gliedern. Die wissenschaftliche Leitung sollte bis auf weiteres in den Händen des Inhabers der ordentlichen Professur für ostasiatische Philologie verbleiben.

Mit Johannes Überschaar, der wie Wedemeyer ein Schüler Lamprechts war, wurde am 1. April 1932 der Lehrstuhl für Sprache und Kultur des modernen Japans erstmals besetzt. Die Stelle des Direktors der historisch-philologischen Abteilung blieb zunächst unbesetzt. Der dafür vorgesehene Wedemeyer übernahm nach dem Weggang Haenischs die Leitung der ostasiatischen Philologie. Im WS 1932/33 hielt Professor Überschaar seine ersten Vorlesungen: Einführung in die japanische Umgangssprache und in die japanische Schrift, leichte Textlektüre, Landes- und Volkskunde und weitere. Professor Wedemeyer setzte seinen Unterricht in japanischer Schriftsprache und klassischer Lektüre fort, den er seit 1924 hielt.

Am 25. Februar 1933 wurde schließlich nach Fertigstellung von Renovierarbeiten das eigentliche Japan-Institut eröffnet. Von der japanischen Stickstoffgesellschaft Nippon Chisso wurde ein deutsch-japanisches Studentenwohnheim finanziert und ebenfalls am 25. Februar eröffnet. Ab dem WS 1934/35 übernahm ein japanischer Lektor die Konversations- und Schreibübung, ein Jahr später auch den eigentlichen Unterricht in der japanischen Umgangssprache. Diese japanischen Hilfskräfte wechselten alle zwei Jahre.

Professor Überschaar mußte wegen eines angeblichen Vergehens nach §175 des Strafgesetzbuches am 1. April 1937 die Universität verlassen und kehrte trotz späterer Rehabilitation nicht an die Universität zurück. Er war nach Japan gegangen, wo er als Deutschlehrer tätig war und verstarb. Bis zum Kriegsende war es dann vor allem Professor Wedemeyer, der die japanologische Ausbildung aufrecht hielt. Denn der erst 1942 als Nachfolger Überschaars berufene Professor Horst Hammitzsch konnte seine Lehrveranstaltungen nur bis zum Sommer 1942 halten. Dann wurde er als Dolmetscher zum Wehrdienst eingezogen und kehrte nach Kriegsende nicht nach Leipzig zurück.

Als in der Nacht des 4. Dezembers 1943 Leipzig bombardiert wurde, wurde das Japan-Institut mitsamt seinem Bücherbestand zerstört. Auch das Buchmaterial des Ostasiatischen Seminars ging größtenteils verloren.

Nach dem Kriegsende wurde Professor Wedemeyer vom Rektor der Universität Leipzig gebeten, die Vertretung des Direktors des Japan-Instituts zu übernehmen. Er setzte auch nach seiner Emeritierung im April 1947 die japanologischen Lehrveranstaltungen in seiner Privatwohnung fort. Ab dem WS 1948/49 sind die von Professor Wedemeyer angebotenen japanischen Veranstaltungen auch wieder im Vorlesungsverzeichnis aufgeführt.

Das Ostasiatische Seminar, dessen Direktor der 1947 berufene Professor Eduard Erkes war, wurde am 7. Mai 1951 in ein Ostasiatisches Institut umgewandelt. Die japanische Abteilung leitete weiterhin Wedemeyer, der ab WS 1954/55 von Dr. Gerd Mehnert und Assistentin Margarete Wiegand unterstützt wurde. Dr. Mehnert kam einmal wöchentlich von Berlin nach Leipzig, um modernes Japanisch zu unterrichten. Bis ins Jahr 1958 wurde neben historisch-philologischen Studien auch nachweislich modernes Japanisch gelehrt und studiert.

Der Tod von Wedemeyer am 13. Februar 1958 und kurz darauf der von Eduard Erkes bedeuteten das zeitweilige Aus für das Ostasiatische Institut in Leipzig. Erst in den 70er Jahren wurden von Manfred Reichardt wieder japanische Sprachkurse abgehalten.

Aus ihrem Dornröschenschlaf erwachten die Lehrveranstaltungen des ostasiatischen Instituts erst gegen Ende der 80er Jahre. Unter Leitung des 1984 auf den Lehrstuhl für Sinologie berufenen Prof. Ralf Moritz war es ab 1990 wieder möglich, eine Hauptfachausbildung in der Sinologie aufzunehmen. Ebenfalls ab dem WS 1990/91 wurden wieder regelmäßig japanische Sprachkurse durch die japanische Lektorin Sakaino angeboten. Seit dem Sommersemester 1994 befindet sich das wiedereröffnete Ostasiatische Institut der Universität Leipzig in seinem heutigen Gebäude in der Schillerstraße 6.

Im April 1996 wurde schließlich der Lehrstuhl für Japanologie mit Frau Professor Steffi Richter neubesetzt. Nach 50 jähriger Pause ist seit dem WS 1996/97 wieder die Möglichkeit eines Japanologiestudiums an der Universität Leipzig gegeben. Sehr großen Anteil an der Neueinrichtung der Leipziger Japanologie hatte Professor Tsuji aus München, der vom WS 1995/96 an ein halbes Jahr lang die kommissarische Leitung der Japanologie übernahm. Für seine vermittelnde Rolle in den Verhandlungen zwischen der Leipziger Universität und der Japan Foundation, die die erneute Gründung der Leipziger Japanologie großzügig förderte, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Im November 1996 fand die Institutseröffnung statt, bei der Frau Prof. Richter ihre Antrittsvorlesung zum Thema „Japanologie in Leipzig – Was war, was sein wird“ hielt.

Leipzig, 25.10.1997
Text: Beitrag von Frau Claudia Kluge auf der Eröffnungsveranstaltung der Leipziger Japanologie im November 1996