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Wenn das Dosimeter piept: Monolog eines ehemaligen Atomkraftwerksspezialisten

Rezitationstheater

Nakamura Atsuo: Wenn das Dosimeter piept: Monolog eines ehemaligen Atomkraftwerksspezialisten

Nakamura Atsuo wurde 1940 in Tokyo geboren. Bekannt ist er in Japan nicht nur durch seine Filmrollen, sondern vor allem durch seine Präsenz in zahlreichen Fernsehdramas und Werbungen. Als Mitglied des Oberhauses von 1998 bis 2004 war er einer der ersten Politiker, der sich im Jahr 2002 dafür einsetzte, eine landesweite Umweltpartei zu schaffen, und so nannte er die von ihm damals geführte Partei Sakigake (Der Vorbote) in Midori no kaigi (Versammlung der Grünen) um. Von 2007 bis 2010 hielt er an der Dōshisha Universität/Kyoto Vorlesungen auf dem Gebiet der Umweltsoziologie.

In seinem am 25. Oktober 2018 veröffentlichen Theaterstück Wenn das Dosimeter piept: Monolog eines ehemaligen Atomkraftwerksspezialisten (Senryōkei ga naru: moto genpatsu gishi no monorōgu) gibt es nur eine Rolle. Besetzt ist sie von einem alten Mann, der als Facharbeiter für Rohrinstallation im AKW Fukushima Daiichi tätig war, dann für ein Jahrzehnt zum Ökobauern wurde, seine Frau verlor, sich um seine Schwiegermutter kümmerte, bevor am 11. März 2011 die Dreifachkatastrophe alles veränderte und er zu begreifen begann, was er selbst getan hatte, und was bisher ohne sein Wissen in Japan geschehen war. Im Monolog spricht er über historische, politische und gesellschaftliche Veränderungen, die durch das Betreiben der 54 Kernkraftwerksreaktoren in Japan vorangetrieben worden waren und welche Bedeutung das alles hatte. Vorgetragen wird der Text durchgehend in der regionalen Mundart Nordostjapans, dem Tōhoku-Dialekt. Dies vereinfacht die Lektüre (meist) und fesselt den Zuhörer so, dieser doch sehr mit Fakten gesättigten Erzählung zu folgen.

Der zweite Teil des Buches enthält einen „Einakter“ mit dem Titel Der Alte und der Frosch (Rōjin to kaeru). Dieser kurze Text, der trotz seiner inhaltlichen Schwere sehr humoristisch bis slapstickartig vorgetragen werden kann und muss, erzählt die Geschichte eines Gesprächs zwischen dem alten Mann aus der ersten Geschichte und einem an die Werke Bashō Matsuos (1644-1694) erinnernden Frosch. Während der Alte kurze Passagen aus dem ersten Teil der Geschichte noch einmal direkt aufgreift und den Inhalt nicht nur neu strukturiert, sondern auch komprimiert, nimmt der Frosch die diskursive Position der Tiere und der Natur ein und spiegelt in dieser Rolle dem Alten die eigenen Unzulänglichkeiten und blinden Flecken seiner Narration wider. Der Frosch ist das moralische Gewissen der Menschheit. Durch die Einführung dieser Rolle gelingt es Nakamura, den Diskurs um die negativen Aspekte der Kernenergie in einen größeren, gar über/menschlichen Kontext zu setzen und somit die moralische Stoßrichtung seines Werkes nicht dem Menschen selbst in den Mund zu legen, sondern sie von einem Wesen aussprechen zu lassen, dass gemeinhin nicht als dem Menschen ebenbürtig gilt.

In einer möglichen Qualifikationsarbeit lässt sich eine literaturwissenschaftliche Untersuchung des Buches ebenso denken, wie der Zugang über diskursanalytische Theorien und Methoden. Auch eine kommentierte Übersetzung mit einem methodisch (z.B. translatologisch) einleitenden Kapitel über Probleme des Übersetzens wäre denkbar.

Neben vielen weiteren Fragen könnte untersucht werden, welche narrativen Muster hier bedient werden und wie diese diskursiv miteinander verknüpft sind. Aber auch, welche Möglichkeiten der Übersetzung es gibt, die starke Ausdrucksweise und bewusst gewählte Form des Dialekts im Deutschen zu erhalten. Und nicht zuletzt müsste geklärt werden, was Nakamura Atsuo bewegte, ausgerechnet auf die Figur des Frosches zurückgreift und weshalb er ihm eine so prominente Rolle zudachte.

Interessierte Studierende können sich gern mit Herrn Jawinski (jawinski@uni-leipzig.de) in Verbindung setzen.

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