„Fukushima“ und die Folgen

Die Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 hat das Leben zehntausender Menschen im Nordosten Japans – in der Tôhoku-Region – vernichtet, das von Hundertausenden mit einem Schlag verändert. Sie wird nicht nur Japan, sondern vermutlich die Welt verändern, auch wenn heute niemand sagen kann, in welcher Weise.

Diese AKW-Erdbebenkatastrophe ist auch ihrer medialen Repräsentation wegen von Beginn an ein globales Ereignis, und sie ist daher auch von Anfang an medial umstritten. Wer wie in welchem Medium über welche Aspekte der Katastrophen und in welcher Tonart berichtete und berichtet – das hat nicht nur wohlwollende Aufnahme, sondern auch Unmut oder  gar Wut hervorgerufen. Deutlich geworden ist unter anderem auch eine tiefe Kluft zwischen den herkömmlichen Mainstream-Medien und den sogenannten Neuen Medien, insbesondere  dem Internet. Kritische Stimmen, die längst auch in Japan wieder und wieder gewarnt hatten vor möglichen, nun bittere Realität gewordenen Gefahren der sogenannten „friedlichen Nutzung der Atomkraft“, konnten (und können) in ersteren kaum, in letzteren – den Neuen Medien, aber sehr wohl gefunden und vernommen werden. Außer Themen wie diesen werden im Rahmen dieses Schwerpunkts u.a. auch folgende problematisiert und erforscht: Arbeit in den AKW (insbesondere die bislang „unsichtbaren“ sogenannten „AKW-Gipsy“), die Geschichte der Nutzung atomarer Energie in Japan und Proteste dagegen, die Nuklearisierung von Gesellschaft und Kultur (einschließlich Sprache), Energiediskurse/-kulturen.

Themen & Projekte

Textinitiative Fukushima

Die Textinitiative Fukushima wurde im April 2011 ins Leben gerufen. An ihr beteiligen sich die kulturwissenschaftlich arbeitenden Japanologien Frankfurt (Prof. Dr. Lisette Gebhardt) und Leipzig (Prof. Dr. Steffi Richter); auch Zürich (Prof. Dr. Raji C. Steineck) hat sich der Initiative angeschlossen. Das Projekt setzt es sich zum Ziel, Texte verschiedener japanischer Akteure der Debatte um Fukushima ins Deutsche zu übertragen. Übersetzt und kommentiert werden sollen Beiträge aus den Wissenschaften, aus dem Journalismus, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Philosophie oder der Popkultur: also Aktuelles, Tiefgründiges, Diskussionswürdiges zu den Katastrophen und ihren Kontexten.

Homepage des Projektes


Energie Tagung 2015

Veranstaltet wurden drei Panels entlang einer vertikalen (diachronen) und einer horizontalen (synchronen) Achse. „Energie und Japan“ ist einmal im zeitlichen Wandel Vergangenheit („Meiji- und Nachkriegs-Japan“), Gegenwart („Postnachkriegs-Japan“) und Zukunft („Green capitalism“? „Degrowth-“/ Postwachstumsgesellschaft? Szenarien nach „Fukushima“ und Energiereformen) zu diskutieren. Oder anders gesagt: vom fossilenergetisch basierten Zeitalter industrieller Wachstumsgesellschaften hin zum Umbau der Gesellschaften und Kulturen als „postkarbone“. Zugleich ist – gemäß dem seit der Gründung der VSJF verfolgten Ziel, Gesellschaft und Kultur zusammenzudenken und interdisziplinär zu arbeiten – vorgesehen, verschiedene disziplinäre, methodisch-theoretische Ansätze synchron miteinander ins Gespräch zu bringen: „Schwarzes Gold“ (Kohle/Erdöl) und die aus ihm gewonnene elektrische Energie sind auch für Japans kapitalistisch-kolonialistische Moderne nicht nur in ökonomisch-politischer Hinsicht von zentraler Bedeutung. Sie haben sich auch in die mentalen Infrastrukturen (Harald Welzer), in die Lebenswelten, ja in die Sprache/n eingeschrieben und sind zudem wichtige, stets umstrittene Topoi der Japan/er-Diskurse (nihon(jin)ron) geworden – man lese aus dieser Perspektive Tanizakis „Lob des Schattens“, Watsujis Klimatheorie in „Wind und Erde“, denke an das Loblied auf „bright life“ (akarui seikatsu) im Nachkriegsjapan. Die aus der Spaltung des Atomkerns entstehende Energie war nicht nur selbst seit ihrer Schaffung von der Spaltung in „gut“ und „böse“, in traumatische Erfahrung und hoffnungsvolle Erwartung gezeichnet – sie spaltete und spaltet weiterhin auch die Gesellschaft in vielfacher Hinsicht: nicht zuletzt räumlich in Atomenergie produzierende Provinzen/Dörfer und diese hauptsächlich konsumierende Metropolen, in eine privilegierte Stammarbeiterschaft in der Stromindustrie und nomadisierende bzw. „Dekasegi-Wegwerfarbeiter“. Bei möglichen Zukunftsszenarien angesichts der „Fukushima“- wie auch der global drohenden Klima-Katastrophen stellt sich die Frage, welche Varianten der Interaktion von Wirtschaft, Politik, Natur, Lebenswelten und Wertegemeinschaften von ihnen entworfen und artikuliert werden.

Diese Betrachtungen sollen vor einem trans- und interkulturellen bzw. trans- und internationalen Hintergrund stehen. Als kulturwissenschaftlich orientierte Lehr- und Forschungseinrichtung zu Japan von der späten Neuzeit (ausgehendes 18. Jh.) bis zur Gegenwart legt die Leipziger Japanologie ein breites Verständnis von Kultur zugrunde, das a) sozial- und regionalspezifische Alltagskulturen ebenso einschließt wie kulturell bedingte Spezifika in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen Wirtschaft, Politik, Bildung etc.; und das b) von Japans Weg in die Moderne als lokale Flexion synchron ablaufender soziokultureller Prozesse auf globaler Ebene versteht, der bei aller spezifizierenden historischen Pfadabhängigkeit zugleich in einem transnationalen und transkulturellen Kontext zu untersuchen ist – was natürlich auch auf das Themenfeld „Energie“ zutrifft.




Informationen
Beteiligte
Felix Jawinski
Prof. Dr. Steffi Richter


Veranstaltungen
Keine anstehenden Veranstaltungen.